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Abstinenz – kontrolliertes Trinken – normales Trinken

Alkoholtherapie geht „scheinbar“ auch anders

In einer kanadischen Studie (Klingemann 2001) wurde festgestellt, das 78% der Betroffenen ihr Alkoholproblem ohne jegliche Hilfe überwunden. Davon haben es 38-68% geschafft, den Konsum auf ein moderates Trinken zu reduzieren. Eine andere Studie (Bischoff & Rumpf 2011) gibt eine Selbstheilungsrate von 53 % an, sagt aber nichts über die damit erreichten Trinkstile aus.

Man kann bei solchen Zahlen nur über die Veränderungsfähigkeiten von Alkoholikern nur staunen und sich fragen, ob diese Menschen die Veränderungen geschafft haben, weil sie nicht in professionellen Behandlungen waren. Ebenfalls müsste angesichts dieser Zahlen auch zu erwarten sein, dass die Erfolgsquote in der traditionellen Suchttherapie mindestens genauso hoch liegen sollte, die hohen Rückfallquoten dieses jedoch nicht bestätigen.

Wie auch immer die Zusammenhänge sein mögen, diese Veränderungsmöglichkeiten fordern dazu auf, über alternative Erklärungen und Behandlungsmöglichkeiten und über unterschiedliche Zielvarianten nachzudenken.

Dazu ist es notwendig sich von der traditionellen und dominierten Sicht- und Umgangsweise, wie sie in unserer von Kranken- und Rentenversicherung finanzierten Suchtkrankenhilfe noch immer gang und gebe ist, kritisch zu distanzieren und andere Wege einzuschlagen.

Es ist immer noch die verbreitete Lehrmeinung, dass eine Rückbildung der Alkoholabhängigkeit für Betroffene nicht mehr möglich ist: „Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker!“ Wir können diesem Paradigma nicht folgen!

Es ist immer noch gang und gebe im therapeutischen Angebot der Suchttherapie, die strikte Abstinenz vorauszusetzen. Doch viele Betroffene wagen sich aus diesem Grund nicht in die Therapie, weil sie wissen, dass mit dem Abstinenzzwang der endgültige Abschied vom Alkohol unumgänglich ist. Die Vorstellung nie wieder etwas trinken zu dürfen löst meistens eine wahnsinnige Angst und Wehmut beim Betroffenen aus und sie würden sonst was dafür geben, wenn sie die tröstende Aussicht hätten, wenigstens hin und wieder noch Alkohol in adäquater Menge trinken zu dürfen.

Andererseits schafft Alkoholsucht auf Dauer innerlich tieftraurige und vereinsamte Menschen, die an ihrer eigene „Normalität“ nicht mehr glauben wollen oder können. Die Auswirkungen einer langjährigen Alkoholsucht lassen sich auch tatsächlich als „höllisch“ beschreiben und bereiten den Betroffenen einen opfervollen Leidensweg und führen zu unerwünschten Dynamiken mit Familie, Beruf und Gesundheit. Der Weg in die Abstinenzzone geschieht daher eigentlich selten aus freien Stücken. Angesicht der hohen Rückfallquoten sieht es daher eher bedenklich aus dem Paradigma der Abstinenz als oberstes Gebot aufrecht zu halten.

Trotz all dieser Bemerkungen zur Abstinenz, möchten wir dennoch niemandem der gerade abstinent lebt, diese Lebensweise ausreden wollen. Abstinenz ist zudem ganz sicher der gesündeste Umgang mit Alkohol und wird von uns voll und ganz respektiert solange sich Menschen aus eigenem Antrieb dazu entschließen und damit zufrieden sind, denn immerhin bringt das den Verlauf der Alkoholkrankheit zum Stillstand.

Aber es gibt eben auch unzählige Menschen, die damit wieder und wieder auf die Nase fallen, daran verzweifeln und sich früher oder später als minderwertig, nutzlos und als Versager fühlen. Das eigene Selbstwertgefühl geht gegen Null, weitere Versuche dem Alkohol zu entkommen werden als sinnlos angesehen und nicht mehr unternommen da ein erneutes Scheitern von vornherein erwartet wird.

Und auch die Devise „Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker!“ trägt demotivierend dazu bei. Wieso soll ich mich als Betroffener weiterhin diesen körperlichen und seelischen Qualen aussetzen, wenn von Beginn an keine Heilung in Aussicht gestellt wird. Es verwundert nicht, wenn viele Betroffene sich von so einen Ansatz weder verstanden noch gut aufgehoben fühlen.

Wir denken, um der Alkoholabhängigkeit ein Ende zu bereiten, muss der Betroffene weder zwangsläufig abstinent leben, noch braucht er sich die Abstinenz als überhaupt zum Ziel setzen. Wir denken, dass es für viele eine tatsächliche Heilung auch in Gegenwart von Alkohol möglich ist, wenn nach wie vor alkoholische Getränke in adäquater Weise getrunken werden dürfen. Hierzu bedarf es weder manipulative Techniken noch Produkte der Pharmaindustrie. Sondern es bedarf eher einer leicht anwendbaren Methode welche sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Betroffenen orientiert.

Das bedeutet nicht das wir die totale Abstinenz ablehnen, im Gegenteil. Jedoch kritisieren wir, dass es unmöglich für alle Betroffene nur „ein und denselben Weg“ geben kann. Um sich an den Möglichkeiten und Fähigkeiten der Betroffenen zu orientieren und um eine größtmögliche Wahrscheinlichkeit des Gelingens zu schaffen, sollten Einrichtungen der Suchthilfe unserer Meinung nach unterschiedliche Therapiemodelle gleichzeitig anbieten können.

Zieloffenheit ist mit Sicherheit ein moderner Ansatz, der aber, so denken wir, wichtige Vorteile beinhaltet. Auf den Betroffenen und mit den Betroffenen abgestimmt das passende Therapiemodell (oder auch eine Kombination aus solchen) zu finden bedeutet die Wahlfreiheit beim Klienten zu lassen. Dies ist ganz entscheidend für die Motivation und Bereitschaft zur Therapie und deren anschließenden Verlauf. Davon profitiert letztendlich auch der Therapeut, der nach modernem Therapieverständnis dem Klienten nicht mehr sein Weltbild „überstülpen“ will, sondern mit einem hochmotivierten Klienten arbeiten will. Sich nahe an dessen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu orientieren sowie die subjektive Realität und Erfahrung des Betroffenen mit einzubinden, bedeutet innere Kräfte und Ressourcen zu mobilisieren, die zum Gelingen beitragen bzw. das Risiko eines Scheiterns reduzieren.

Alkoholabhängigkeit bedeutet im Wesentlichen, dass der Betroffene mit den Jahren die Fähigkeit verloren hat die konsumierte Alkoholmenge aus sich selbst heraus kontrollieren zu können. Diese sogenannte „Selbstkontrolle“ kann jedoch nur dann wiedererlernt werden, wenn auch selber kontrolliert werden darf! Auch Eltern lernen z.B. schnell, dass man einem Kind schwer das Fahrradfahren beibringen kann, wenn man dabei (sicherheitshalber) den Lenker festhält. Erst wenn man den Lenker und das Rad loslässt, beginnt das Kind die Kontrolle über das Rad zu gewinnen – ganz von selber also!

Selbst zu kontrollieren scheint jedoch angesichts der mächtigen Alkoholsucht vielen Menschen auf den ersten Blick unmöglich, denn gerade die gestörte oder fehlende Selbstkontrolle ist es ja, welche die Abhängigkeit so mächtig hat werden lassen. Deswegen setzen die meisten der Kranken- oder Rentenversicherungsträger leider nur auf Therapieverfahren, die eine externe Kontrolle erfordern. Hierzu gehören z.B. die sogenannte Abstinenztherapie (d.h. vollständiger Entzug des Alkohols) und auch die sogenannte Reduktionstherapie, bei der versucht wird die täglich konsumierte Alkoholmenge langsam zu reduzieren. Beide Arten von Therapie erfordern insbesondere in der Anfangsphase ein hohes Maß an externer Kontrolle (z.B. Nichtverfügbarkeit jeglicher Form von Alkohol und die zwangsverordnete Meidung aller Orte, an denen er konsumiert wird). Diese Konzepte beinhalten jedoch ein erhebliches Rückfallrisiko genau ab dem Moment, ab der die externe Kontrolle wieder vollkommen wegfällt. Und das wird sie irgendwann – schon aus Kostengründen. Das Risiko ist deshalb kaum zu beherrschen, weil unsere Gesellschaft nun einmal eine trinkende Gesellschaft ist und ein selbstkontrollierter Umgang mit dem Alkohol vom Betroffenen ja niemals wiedererlernt werden durfte.

Bei „Zwangsverordnung“ dieser fremdkontrollierten Therapieformen stellen sich bei den Betroffenen äußerlich dogmatisch wirkende, innerlich aber recht ambivalente Haltungen zum Alkohol ein, denn ein Leben mit Alkohol hätte man ja eigentlich bevorzugt, wenn die durch den Alkohol entstandene gesundheitliche und soziale Situation nur nicht so unerträglich geworden wäre. Daher muss der Alkohol zwangsläufig dogmatisch zum „Teufelswerk“ erklärt werden, damit man dem Alkohol überhaupt fernbleiben kann. Genau solche dogmatisch-ambivalenten Haltungen sind es aber, die leicht in sich zusammenbrechen und den Rückfall heraufbeschwören.

Selbstkontrollierte Therapieformen sind rar, da Kontrollverlust das eigentliche Wesen der Erkrankung ist und Selbstkontrolle aber gerade das ist, was wieder neu erlernt werden muss. Die Lage erscheint aussichtlos, ist sie aber nicht! Denn bei uns gibt es sie tatsächlich, diese selbstkontrollierte Therapieform.

Die Therapieform legt eine individuelle prozentuale Obergrenze für den Alkoholgehalt der konsumierten Getränke fest. Diese wird gemeinsam, Therapeut und Klient, individuell festgelegt und orientiert sich sehr eng an den jeweiligen Möglichkeiten und Fähigkeiten des Betroffenen.

Unserer Meinung nach ist dieser, vom Therapeuten und Betroffenen gemeinsam erarbeiteter Schritt, mit einer der wichtigsten um ein gesundes Gelingen zu erfahren. Denn – und hier kommt die Selbstkontrolle ins Spiel – der Klient darf zu jeder Zeit selber entscheiden wieviel er von diesen alkoholischen Getränken konsumieren will. Es gibt keinerlei Vorgaben bezüglich der Menge! Mittelfristig wird sich der Alkoholkonsum des Klienten jedoch im Schnitt rasch reduzieren. Schon nach wenigen Wochen können auf diese Weisen tägliche Alkoholdosen unter dem geltenden Gefahrenschwellwert der DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen) erreicht werden.

Obwohl der erste Therapieerfolg in der Regel recht schnell eintritt, ist das Durchhalten der Methode und die therapeutische Nachbetreuung (je nach Fortschritt des Klienten) dringend empfohlen, da ein suchtfreies Leben viele neue Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. Eine Nachbetreuung kann, je nach Wunsch des Klienten, über telefonische Konsultationen oder auch über nachgelagerte Einzelsitzungen in größeren zeitlichen Abständen erfolgen.

Zur Unterstützung der wiedererlangten Selbststeuerung schließt die Methode ein neuartiges Suchtmodell mit ein, das sogenannte Rauscheintrittspunkt-Modell. Dieses Modell geht davon aus, dass es bei jedem Menschen eine einigermaßen individuelle Blutalkoholkonzentration gibt (abhängig von Geschlecht, Alter, Ethnie, Körpergewicht und gesundheitlicher Vorgeschichte), ab der recht plötzlich ein Rauschzustand einsetzt. Vor erreichen dieses Punktes besteht noch die Kontrolle über den Alkoholkonsum, nach Eintritt in den Rausch setzt jedoch ein zunehmender Kontrollverlust ein. Diese spezifische Blutalkoholkonzentration wird in dem Modell als „Rauscheintrittspunkt“ bezeichnet. Der Rauscheintrittspunkt wirkt für Betroffene wie auch für Nicht-Betroffene. Der Unterschied ist lediglich, dass Betroffene diesen Punkt nicht mehr wahrnehmen können und infolgedessen nicht mehr vor diesem „abbremsen“ können, selbst wenn sie es wollten. Nicht-Betroffenen merken i.d.R. genau wann Schluss ist, weil sie diesen Punkt wahrnehmen. Betroffene hingegen gleiten überganslos in den Rausch. Sie haben die Wahrnehmung des Punktes regelrecht verlernt. Hinzu kommt, dass Betroffene durch ihr unbewusst antrainiertes Trinkverhalten den Punkt regelrecht überspringen. Dies erreicht man durch sehr schnelles Trinken der ersten alkoholischen Getränke oder auch durch entsprechende Prozentwahl. Die Betroffenen „schießen“ sich regelrecht in den Rausch!

Das Trinken nach den Trinkregeln unserer autoregulativen und selbstkontrollierten Therapieform bewirkt eine schleichende Re-Sensibilisierung des Rauscheintrittspunktes, was in einem Zeitraum von einigen Monaten dazu führt, dass der Betroffene diesen Punkt wieder wahrnehmen und sein Trinkverhalten wieder von selber regulieren kann! Im Idealfall kann die Alkoholabhängigkeit auf diese Weise vollständig geheilt werden und der Betroffene kann, falls er dieses wünscht, sogar wieder behutsam und maßvoll (!) normale alkoholische Getränke zu nehmen.

Vorteile:

  • Niedrigschwelliger Einstieg (keine Angst vor Therapiebeginn)
  • Nachhaltiges Re-Sensibilisieren des Rauscheintrittspunktes
  • Kein „Trauma des ewigen Verzichts“
  • Rückgewinnung der Selbstkontrolle nach wenigen Monaten
  • Alkohol wird nicht dämonisiert
  • Normaler Umgang mit der (trinkenden) Gesellschaft, keine Exoten-Rolle
  • Deutliche Reduktion bestehender Trinkmengen unter den Gefahren-Schwellwert
  • Auflösung der Abhängigkeit
  • Niedrigschwelliger Übergang in die Abstinenz durch das Wiedererlangen des Selbst-kontrollierten Trinken

17.02.2017

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